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  • Jules

Dr.Gottman's Formel für bessere Beziehungen im Job

Aktualisiert: 29. Apr 2019


Haben Sie sich jemals gefragt, wie viele positive Botschaften Sie im Vergleich zu Negativen Sie vermitteln?


Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit und reflektieren Sie das letzte Mitarbeitergespräch - egal in welcher Rolle:

War der Tenor grundsätzlich eher positiv oder fühlte sich das Meeting eher weniger aussichtsreich an?


Eines vorweg, solche Gespräche können nicht immer zufriedenstellend für alle Parteien ausfallen, denn auch die unangenehmen Dinge müssen adressiert werden. Und da bleibt es meiner Erfahrung nach nicht aus, dass der/die Betroffene sich auch mal gekränkt fühlt. Das gehört dazu. Wir sind alle Menschen mit Gefühlen, Erfahrungen und verschiedenen Verarbeitungsmechanismen.


Trotzdem ist es sehr sinnvoll darüber nachzudenken, ob Ihre Kommunikation generell eher einen positiven oder einen negativen Charakter hat.

Sie fragen Sich warum?

John Gottman, US-amerikanischer Psychologe und emeritierter Professor für Psychologie an der University of Washington, stellte nach Jahrzehnten der Forschung fest, dass gut funktionierende Beziehungen unmittelbar mit dem Verhältnis zwischen positivem und negativem Austausch zusammenhängen.


Photo by Roman Mager

Gottman ging sogar noch einen Schritt weiter und entwickelte eine Formel, die uns helfen soll, gute Gespräche zu führen und somit unsere Beziehungen zu stärken. Inhaltlich unabhängig. Egal, ob zu Hause oder im Job.


Ursprünglich untersuchte er das Verhältnis zwischen positivem und negativem Austausch bei Ehepartnern. Er wollte herausfinden, was eine echte Partnerschaft ausmacht. Heute kann er mit einer Trefferquote von über 90% vorhersagen, ob ein Paar in der Zukunft zusammenbleibt oder nicht. Er beobachtet die Gesprächsmuster der Testpaare oft nur für wenige Minuten, bevor er zum - fast immer richtigen - Ergebnis kommt. Wie ihm das gelingt? Es scheint kinderleicht. Er benutzt ein von ihm entwickeltes Modell - eine Art Formel. Er fand heraus, dass in gesunden Beziehungen das Verhältnis zwischen positivem und negativem Austausch bei fünf zu eins liegt.


In gesunden Beziehungen liegt das Verhältnis zwischen positivem und negativem Austausch bei fünf zu eins


Was bedeutet das für eine Führungskraft und wie kann man diese Erkenntnis auf das Arbeitsumfeld übertragen?

Sie sind nicht in einer Liebesbeziehung mit den Mitarbeitern Ihres Teams. Jene können sich nicht von Ihnen scheiden lassen, wenn Sie diese Formel in Ihrer Kommunikation nicht anwenden. Die Mitarbeiter werden sicher auch nicht sofort die Kündigung einreichen. Aber, und das haben wir alle schon auf unterschiedlichen Ebenen erlebt, sie setzen sich weniger für ihre Aufgabe ein, wenn die Beziehung zum Vorgesetzten nicht stimmt. Die Identifikation fehlt und niemand scheint so richtig für seine Aufgabe zu brennen.

Auch hier sei gesagt, dass es selten gelingt alle mit der gleichbleibend tollen Motivation und immer guten Arbeitsergebnissen an Bord zu behalten, aber die Untersuchungen zeigen es ganz deutlich: Mitarbeiter brauchen Ermutigung, Zuspruch und Wertschätzung. Heute mehr denn je.


Ich arbeite mit großen und kleinen Unternehmen zusammen und moderiere seit vielen Jahren Workshops zum Thema Kommunikation und Führungsstil. Wenn ich mit den Teams zusammenarbeite, höre ich eine „Beschwerde“ immer und immer wieder: „Unser/e Chef/Chefin zeigt ihre/seine Anerkennung zu selten.“


Um diese Problematik zu lösen, kann man zu dem Schluss kommen, generell einfach mehr Lob zu spenden, denn auch das ist ja positive Kommunikation, aber meiner Erfahrung nach reicht das nicht aus. Mitarbeiter kriegen schnell mit, wenn solche „Maßnahmen“ eingeführt werden und fühlen sich dann unter Umständen manipuliert. Lob wie auch positives Feedback sind auch eher Reaktionen auf etwas. Das wovon ich hier rede, ist aktives Handeln des/der Manager/in. Und da kommt John Gottman mit seiner Formel für mich ins Spiel. Kommunikation, die dauerhaft positiv ausgerichtet ist, motiviert Mitarbeiter automatisch. Sie fühlen sich ermutigt, gestärkt und unterstützt. Die Aufgabe macht ihnen mehr Freude und sie werden sich deutlich mehr ins Zeug legen, denn die gesamte Arbeitsatmosphäre fühlt sich besser an. Und natürlich haben hier auch Fehltritte, Kritik und Misserfolge ihren Raum.


Mir ist klar, dass es nicht allen Menschen gleich leicht fällt, die Fünf zu Eins Formel anzuwenden. Manche Personen kommunizieren eher zurückhaltend, weniger enthusiastisch und generell sachlicher. Gehören Sie zu diesem Typ, dann spüren Sie wahrscheinlich eher Widerstand beim Lesen dieser Zeilen und dem konkreten Vorschlag, die Formel anzuwenden.


Vielleicht starten Sie erstmal mit der bewussten Beobachtung Ihrer Kommunikation. Stellen Sie sich die Frage: Wie oft kommuniziere ich bewusst positiv?

Vielleicht fühlt es sich so an, dass es etwas Spielraum gibt und dann probieren Sie es doch einfach mal aus. Niemand erwartet von Ihnen, zum nächsten Dale Carnegie zu mutieren. Aber so kleine Experimente, die zur Optimierung unserer Skills beitragen, machen oft einen großen Unterschied.


Wie sieht die Umsetzung aus?


Ich mag es gerne, ein bisschen zu experimentieren. Für mich gibt es keinen richtigen oder falschen Ansatz, sondern eine für die jeweilige Person passende Herangehensweise. Die gilt es zu erforschen. Ich fände es zum Beispiel schwierig, würde jemand zu mir sagen: Jules, ab heute musst Du immer 5 positive Nachrichten dem eigentlichen Kritikpunkt vorausschicken. Das würde bei mir so nicht funktionieren. ABER: Die Formel macht Sinn für mich und ich möchte lernen, sie in kleinen Schritten anzuwenden.

Ich beginne damit, einen klassischen Arbeitstag im Büro zu durchdenken und zu überlegen, wie sich das umsetzen lässt. Das fängt unter Umständen ganz banal an: Ich komme an einem grauen November morgen ins Büro und sage so etwas wie: „Was für ein Hundewetter.“ Was wäre aber, wenn ich stattdessen sage, dass ich mich wirklich sehr auf die Weihnachtszeit freue, weil ich das tatsächlich tue? Es ist ein minimaler Shift, aber ich weiß, dass er das Potential hat, eine große Wirkung zu erzeugen.


Als nächstes steht das Morgen-Briefing an. Auch hier gehe ich einmal in Gedanken bewusst durch, wie das Verhältnis zwischen positiven und negativen Botschaften ist und entscheide mich bewusst, mindestens eine positive Nachricht mehr zu verkünden. Unter Umständen muss ich mich hier etwas bemühen, weil mir nicht sofort etwas einfällt, aber es hat auch niemand gesagt, dass es ein Kinderspiel ist. Falls es Ihnen so geht, überlegen Sie konkret, was Ihnen am Team, am Projekt, am Kunden etc. gefällt. Oder wie es sich anfühlen wird, wenn das langwierige Projekt erfolgreich abgeschlossen wird. Vielleicht wird so ein Schuh daraus.


Ich könnte jetzt den gesamten Arbeitstag weiter so beschreiben, aber Sie haben das Prinzip verstanden. Probieren Sie es aus, wenn Sie einen Moment Zeit haben.

Eine weitere Methode, um den positiven Dingen um uns herum mehr Aufmerksamkeit zu schenken, ist so einfach wie effektiv. Schreiben Sie am Ende Ihres Arbeitstages 3 bis 5 Punkte auf, die an diesem Tag positiv gelaufen sind. Es hat den Vorteil, dass Sie das Büro wahrscheinlich mit einer besseren Stimmung verlassen werden und Sie haben bereits das Morgen-Briefing mit vorbereitet. Versuchen Sie aus dieser Dokumentation ein kleines Ritual zu machen. Wenn Sie es 6 Wochen durchhalten, ist es im System und wird seine Wirkung zeigen.


Photo by Hieu An Tran

Wir sind damit lange nicht am Ende, wenn es um Tools und Methoden geht, um positive Kommunikation zu üben. Ich mag die beiden oben genannten Methoden sehr gerne und schlage vor, erstmal diese auszuprobieren und die Wirkung zu beobachten.

Ich wünsche Ihnen viel Freude und Erfolg dabei.


Wie immer freue ich mich über Feedback, Fragen und Hinweise.